In Kontakt mit sich selbst

Vortrag mit Praxisvorführung im Mai 2012 am Tag der offenen Tür der Praxisgemeinschaft Crelle.

Shiatsu ist eine Praktik, die bereits einen großen Bekanntheitsgrad erlangt hat. Es ist selten, dass mal jemand fragt: „Was ist eigentlich Shiatsu?“.

Viele haben den Begriff schon gehört, wissen aber nichts genaues.
Vielleicht sagt einer, “das ist eine Art Massage, aber ohne Öl, dafür mit Kleidung und der Shiatsu-Praktiker drückt Energie-Leitbahnen, die Meridiane, mit dem Daumen”.

In solch einer Beschreibung, die das äußerliche Geschehen schon recht detailliert beschreibt, geht leider das Wesentliche des Shiatsu verloren. Und um das soll es hier gehen, um die Lücke zwischen dem äußerlichen Ablauf und dem inneren Geschehen.

Beginnen möchte ich mit dem Unterschied zwischen (1) dem alltäglichen drücken und (2) dem Fließen des Ki beim Shiatsu. Dazu möchte ich einen kleinen Exkurs zum Aikido machen.

Zeichnung eines Wurfes beim Aikido, © Hendrik Bura - Fotolia.com

© Hendrik Bura – Fotolia.com

Vor 20 Jahren habe ich einige Jahre Aikido gelernt. Aikido ist eine japanische Kampfkunst und ich erwähne sie, weil es eine wichtige Gemeinsamkeit zwischen Aikido und Shiastu gibt.
Mein damaliger Lehrer hat immer wieder ganz besonders viel Wert gelegt, auf die „richtige“ Weise mit dem Anderen in Kontakt zu sein. Das steckt auch schon in den drei Teilen des Wortes Ai-Ki-Do, denn das heißt soviel wie:
Der spirituelle Weg (Do) in dem es um die Harmonie (Ai) der Kräfte (Ki) geht.

Harmonie der Kräfte, was ist das?.

Dazu erzähle ich von einer erste Übungen zur Schulung des Harmonieempfindens.
Sagt man jemandem, der mit solchen Dingen keinerlei Berührung hatte, er möge doch mal mit ausgestrecktem Arm gegen die Wand drücken, dann drückt er vermutlich gegen die Wand und wird, wenn er es kräfitg tut, auch eine Anstrengung merken – vielleicht merkt er das Drücken dann auch nach einer Weile als Verkrampfung in der Schulter.

Immer wenn jemand gegen eine Wand drückt und auch wenn ein Gegenstand (z.B. ein Stein) Druck ausübt, dann drückt die Wand stets genauso stark zurück. Kein bisschen mehr und auch nicht weniger, denn wenn die Kräfte nicht gleich wären, dann müsste das, was da drückt seine Geschwindigkeit ändern. Das heißt übrigens auch, dass die Wand nicht stärker ist als ich, denn sie drückt nur dann, wenn auch ich es tue. Wenn ich nur den halben Druck ausübe, dann tut auch die Wand genau das, sie drückt nur halb soviel zurück.

So dient in der genannten Übung die Wand als eine Art Spiegel dessen, was ich tue.

Nun kann ich auch, statt gewöhnlich zu drücken, mich einmal gemütlich an die Wand anlehnen. Wieder mit leicht ausgestrecktem Arm lege ich die Hand an die Wand und lehne mich mit dem Arm an die Hand, mit der Schulter an den Arm mit dem Körper an die Schulter und der Körper ruht zum größeren Teil auf dem hinteren Bein und zum kleineren auf dem vorderen Bein.
Lehne ich mich etwas energischer dagegen, so spüre ich die Kraft der Wand durch Hand, Arm, Schulter, Körper und Bein fließen, bis sie letztlich über den hinteren Fuß in den Boden abgeführt wird. Wenn es gelingt, dass innerhalb des Körpers keine Blockaden gibt, dann sind die Kräfte in Harmonie.

Es ist sehr günstig, sich so zu schulen, dass diese Harmonie der Kräfte sich ganz automatisch einstellt, egal was ich gerade tue. Das kann beim Sitzen sein, oder auch beim Heben von Lasten, seien sie groß oder klein.
Gerade beim Heben ist es für den unteren Rücken enorm wichtig, dass die Kraft nicht aus dem Rücken kommt, sondern aus den Beinen – und zwar so, dass die Kraft erst dann fließt, wenn der Körper so eingestellt ist, dass sie einen guten Weg durch den ganzen Körper nehmen kann. Man sagt dann, die Kraft kommt aus dem Hara, aus der Mitte.

Beim Shiatsu wird das Prinzip von der Harmonie der Kräfte beherzigt. Man könnte also sagen, das Ai-ki-do wird beim Shiatsu beherzigt. Der Praktiker gibt die Kraft nicht an eine Wand ab, sondern an die behandelte Person. Und auch dann gilt die Physik – die Person gibt eben diese Kraft ganz genau so wieder zurück. Der Betrag der Kraft ist gleich, die Richtung genau entgegengesetzt, die (Vektor-)Summe wird zu Null.

Der Praktiker drückt also nicht auf den Körper des Behandelten Person, sondern er gibt Ki ab, das ist in etwa: Er gibt sein Gewicht ab, so als wolle er sich dadurch ausruhen.

Das Besonderen daran ist: das Ausmaß des Kontakts, die Stärke des Drucks, wird durch die behandelte Person reguliert. Das geht ohne Worte – der Praktiker spürt, wie weit er eingeladen ist. Die Kunst der richtigen Ausführung zeigt sich darin, dass der Praktiker genauestens spürt, welche Stärke des Kontakt optimal zur Entspannung führt.

Dabei kann durchaus ein leichter Schmerz spürbar sein, der jedoch nie die Grenze des Wohligen überschreiten sollte, um den Zustand der Entspannung zu erhalten -aber es soll kein Schmerz sein, der die Entspannung nimmt. Der erfahrene Prakitiker spürt eine aufkommende Anspannung sofort und passt sich in seiner Ki-Abgabe an, um sofort wieder in den Zustand der Entspannung zu gelangen.

Es zeigt sich immer wieder, dass dabei beide in Kontakt mit sich selbst kommen. Warum ist das so?

Der Bewegungsimpuls kommt aus dem Zentrum (Hara) und auch bei der behandelten Person ist es das Hara, das die Kraft, das Ki, empfängt. Beim Shiatsu kann dadurch große Nähe entstehen, denn, einen solchen Energiefluss von Hara zu Hara kennt man sonst nur aus nahen Begegnungen wie z.B. beim geübten Paartanz. Das Nachvollziehen von Grundschritten in der Tanzschule hat damit nichts gemeinsam.

Etwas zweites kommt hinzu. Der Shiatsu-Praktiker ist mit seiner ganzen Aufmerksamkeit bei der zu behandelnden Person. Nicht bei einem bestimmten Körperteil, sondern wirklich bei der ganzen Person. Dabei ist es nicht abträglich, wenn der Praktiker bei der Behandlung für längere Perioden die Augen schließt.

Für mich ist es eine ernste Sache, die sich mit Flapsigkeit nicht gut verträgt. Auch Gespräche gibt es normalerweise nicht beim Shiatsu. Sprache wird oft missbraucht, um die eigenen Empfindungen abzublocken. Das ist eine Zeit lang völlig in Ordnung und lässt gewöhnlich mit dem Fluss der Behandlung von ganz alleine nach. Es ist gut, zur Ruhe zu kommen – manchmal an die Grenze zum Schlaf. Eine solche Berührung, die zur Entspannung führt – das geht über das alltäglich gewohnte weit hinaus.

Diese zwei Punkte, die Berührung von Hara zu Hara und die gesammelte Aufmerksamkeit, das ist eine Kombination, die man nicht oft erfahren hat, die dann aber zumeist sehr angenehm war. So führt das eigene Empfinden zu einer Wiedererinnerung an solche angenehmen Gefühle und die dazugehörigen Gegebenheiten. Man spricht dabei auch vom Körpergedächtnis.

Der innigste Kontakt von Hara zu Hara fand sicherlich vorgeburtlich statt. Der Embryo befindet sich ja geradezu mit seinem eigenen Zentrum im Zentrum der Mutter. Aber auch das Wiegen auf dem Arm mag eine frühe wohlige Erfahrung sein.

Auf solche Weise versuche ich mir meine eigenen Empfindungen zu erklären. Besser aber als alle Worte darüber ist mit Sicherheit das eigene Erleben.

Veröffentlicht unter Shiatsu-Blog